Berlin, 19.11.2009 (KAP) Der deutsche Filmemacher Philip Gröning, der vor fünf Jahren mit seiner preisgekrönten Dokumentation "Die große Stille" über das Leben im französischen Kartäuserkloster "La Grande Chartreuse" für Furore sorgte, zollt dem Vatikan Anerkennung für seine Bemühungen um einen intensiveren Dialog mit der zeitgenössischen Kunst. Der vatikanische Kultur-Erzbischof Gianfranco Ravasi spreche "sehr offen von einem gewissen Bruch zwischen den Künstlern und der Kirche" und bemühe sich glaubwürdig um eine Heilung dieses Bruchs. "Das kann man nicht hoch genug einschätzen", sagte Gröning am Mittwoch in einem Interview der deutschen Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Gröning gehört zu den rund 270 Künstlern aus aller Welt, die Papst Benedikt XVI. auf Initiative Ravasis am Samstag im Vatikan empfängt. Zu Gast sind auch andere bekannte Filmemacher wie Andrej Tarkowskij, Franco Zeffirelli und Peter Greenaway, Architekten wie Daniel Libeskind und Zaha Hadid, Musiker wie Ennio Morricone und Andrea Bocelli, Theaterregisseure wie Bob Wilson und Peter Stein, Literaten, bildende Künstler und Fotografen.
Ob für den Vatikan "eine wirkliche Öffnung für das, was aktuelle Kunst bedeutet", einfach sein werde, wisse er nicht, meinte Gröning. Wünschenswert sei jedoch, dass die Kirche bei den durch zeitgenössische Kunst aufgeworfenen Fragen viel mehr als bisher "aushält". So sei Jean-Luc Godards Film "Je vous salue, Marie" von 1994 vom Vatikan heftig als blasphemisch kritisiert worden, "obwohl es eines der zutiefst religiösen Filmwerke unserer Zeit ist".
Gröning bedauerte weiter, dass Christoph Schlingensief nicht in den Vatikan eingeladen wurde. Der krebskranke Regisseur und Autor beschäftige sich auf eine sehr radikale Art mit existenziellen religiösen Fragen und sei ein "großer, durch und durch katholischer Künstler", den die Kirche ernst nehmen sollte.
Auf das Thema Transzendenz komme man in Künstlerkreisen "natürlich oft, auch auf die Frage der Religiosität". Aber es gebe auch "Ärger über die verfasste Kirche". Für viele Künstler sei z.B. der Umgang der Kirche mit dem Thema Aids und dem Zugang zu Verhütungsmitteln in Afrika unverständlich.
Für ihn selbst sei "die Frage, was ist jenseits des Materiellen, des Sichtbaren, immer wieder ein ganz zentrales Thema", sagte Gröning. Derzeit arbeite er an Filmprojekten, in denen es einerseits um die Tugend der Liebe, andererseits um Zeit geht: "Da taucht die spirituelle Dimension sofort auf. Kunst, die nicht in eine Dimension über die übliche Realität hinaus verweist, trägt vielleicht nicht so weit."
